Alles eine Frage der Kohle …

momentaufnahme

Wie bewegt man eine alte Dame, die als einzige noch in einem für eine Sanierung vorgesehenen Haus wohnt, zum Auszug? Eine schwierige Mission, dachten wir. Doch am Ende kam alles ganz anders, denn die 92-Jährige wusste zu überraschen …

Eine heikle Aufgabe galt es für uns im Jahr 2002 zu lösen. Ein Altbau an der Berliner Gethsemanekirche sollte kernsaniert werden und alle Bewohner waren bereits ausgezogen. Alle? Nein, eine alte Dame mit stolzen 92 Jahren wohnte noch im Haus – allein im 4. Obergeschoss auf ca. 130 Quadratmetern mit Kohleheizung, ohne Balkon und ohne Aufzug. Bleibt sie in der Wohnung, ist die Kernsanierung mit Balkonanbauten und Schaffung von zusätzlichem Wohnraum im Dachgeschoss nicht möglich! So bat uns der Bauträger, ihn zu einem Gespräch mit der alten Dame zu begleiten, um auszuloten, wie wir diese Bewohnerin zu einem Auszug bewegen könnten. Eine sehr schwierige Mission, weil auch wir wissen, dass man alte Bäume nicht verpflanzen soll und dass das Zuhause ein sehr emotionales Thema ist. Was würde uns bei dem Gespräch erwarten?

Wir waren angemeldet und direkt nach dem ersten Klingeln öffnete sich die Tür. Wir wurden herzlich und freudig von der alten Dame empfangen und mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Mit Blick auf unser Anliegen fühlten wir uns, wie man sich denken kann, überhaupt nicht wohl. Nach einem „Warm-up“ gingen wir das Problem vorsichtig an und schlichen im Gespräch wie die sprichwörtliche Katze um den heißen Brei herum. Ob das gutgeht?

Doch dann die große Überraschung: Ein Strahlen huschte über das Gesicht unserer alten Dame. Freudig meinte sie, dass sie schon so lange auf dieses Gespräch gewartet habe. Sie habe  schon geglaubt, man habe sie vergessen und sie müsse bis zum Ende ihrer Tage in dieser Wohnung bleiben. Diese 4-Zimmer-Wohnung sei doch viel zu groß und das Wohnen in der vierten Etage viel zu beschwerlich für sie. Vor allem müsse sie jeden Morgen in den Keller gehen, um Kohlen zu holen und mit zwei Emaille-Eimern bis in die vierte Etage tragen. Auch die Einkäufe in ihre Wohnung zu schleppen, sei sehr mühselig. Wir müssten doch wissen, dass sie inzwischen 92 Jahre alt sei und nicht mehr so beweglich wie früher. Fast schon schüchtern fragte sie schließlich, ob wir nicht eine Möglichkeit hätten, sie von diesem Problem zu erlösen, und ob wir ihr nicht eine neue kleinere Wohnung besorgen könnten, möglichst mit Aufzug. Das wäre ihr
Traum.

Wir schauten uns an und wussten nicht, wie uns geschah. Gekommen waren wir, um unser Problem zu lösen. Jetzt konnten wir ihr Problem gleich mit angehen und ihr mit einem Aufzug sogar noch einen großen Gefallen tun. Nur vier Wochen später ist die ältere Dame mit unserer Hilfe in eine 65 Quadratmeter große, gerade fertiggestellte 2-Zimmer-Wohnung mit Balkon und Aufzug in den Berliner Florakiez umgezogen. Sie war rundum glücklich – und wir waren es auch.

(Bildquelle – Kohleeimer: fotodrobik / shutterstock.com)